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2019 – aus der Serie: "Wie ich überhaupt zum Rennradfahren kam und was daraus wurde…!"

Aktualisiert: 6. Juli 2020

Aber auch damit sollte nicht Schluss sein:


Auf unseren sporadischen Treffen mit unserer kleinen, aber feinen „Radeln für Irre“-Truppe fiel plötzlich das Stichwort ‚Styrkeprøven‘. Das musste ich erstmal googlen bzw. nachfragen.


„Was ist das bitte?“

Styrkeprøven ist Norwegisch und heißt übersetzt ‚Kraftprobe‘.

„Was ist das genau?“

Es ist das längste Straßenradrennen der Welt.

„Wie lang ist das?“

„540 km“ lautete die Antwort. Mir blieb die Luft weg.

Ich fragte nochmal: „Wie lang?“

Es blieb bei 540 km.

„Wie viele Tage braucht man dafür?“

Das ist ein Rennen am Stück, also an einem Tag…! 540 km quer durch Norwegen, mit knapp 4.000 Höhenmetern. Von Trondheim am Meer über das Dovrefjell auf über 1.000 Metern nach Oslo, durch die Nacht…!

Zur Beruhigung: Es wird nicht ganz dunkel, da das Ganze im Juni zu Midsommer stattfindet und es nachts nur dämmert.

„Na dann geht’s ja. Gott sein Dank!“


Lange Rede kurzer Sinn: Am 08.10.2018 ging die Anmeldung per Mail raus. Puhhh… was ging mir der Stift, als ich die Bestätigung per Mausklick absendete. Ich war mir nicht sicher, ob die Begeisterung oder die Angst überwog. Aber es war trotzdem irgendwie ein richtig geiles Gefühl, sich einer solchen Herausforderung zu stellen. Still und leise war ich ein bisschen stolz, dass ich es zumindest schon mal gewagt hatte, mich anzumelden. Immerhin der erste Schritt. Alles beginnt mit einem ersten Schritt…!

Der Start sollte am 21.06.2019 sein, somit hieß es ab sofort einen konkreten Trainingsplan aufzustellen und mit vollem Elan und Begeisterung rein ins Training und rauf aufs Rad.


Es ist schon faszinierend, was konkret definierte, attraktive, terminierte und echt herausfordernde große Ziele mit uns machen. Sie entfachen eine Begeisterung, geben Energie frei und einen unglaublichen Antrieb. Eine Kraft, die vorher nicht vorstellbar war. Einfach genial. Wir sind quasi bei jedem Wind und Wetter gefahren, zu Uhrzeiten und an Tagen, zu denen man sonst niemals einen Fuß vor die Türe gesetzt hätte.


Aber warum eigentlich? Ganz einfach! Weil das WOZU klar war! Wir wussten ganz genau wofür wir das Ganze machen! Wir hatten alle 4 das gleiche Ziel. Die 540 km möglichst ohne Blessuren zu überstehen und zu genießen und in Oslo gemeinsam ins Ziel einzufahren, Seite an Seite.

Dieses ständige Bild vor Augen hat uns das Training enorm erleichtert. Obgleich es natürlich genügend Tage gegeben hat, an denen ich mich gefragt habe, was ich mir da eigentlich antue. ABER: Wer das WOZU versteht, kann jedes WIE ertragen…! Besser konnte ich es nicht lernen und erleben, als mit diesem Mega-Projekt. Eines der bisher größten Projekte in meinem Leben. 540 km quer durch ein Land, das auch im Sommer so schroff, so rau und so herausfordernd ist, wie ich es bisher noch nicht kennengelernt hatte. Und all das nur mit einem Fahrrad. Aber ich war stolz auf mich.


In den darauffolgenden Treffen und Besprechungen musste nun eine gute Organisation her.

Schließlich mussten wir ja erst noch mit 4 Rennradfahrern ins knapp 2.000 km entfernte Trondheim. Das war schon die erste große Herausforderung am Rande.

Da half mal ein kleiner Blick auf Google Maps, denn bis dahin wusste ich ehrlich gesagt nicht genau, wo Trondheim liegt. Und dann die große Frage: Wer fährt eigentlich? Schnell war klar, dass wir nicht gleichzeitig Auto und Radfahren können. Somit mussten also noch 2 Fahrer her. Überraschenderweise fanden sich sehr schnell 2 gute Freunde, die doch tatsächlich eine große Begeisterung für unser Projekt aufbringen konnten, obwohl sie gar keine Rennradfahrer sind und eigentlich 6 Tage lang über 4.000 km unterwegs sind, „nur“ um uns zu kutschieren und zu betreuen. Aber spätestens hier wird klar, was eine richtig gute Gruppe ausmacht. Eine kollektive Begeisterung für eine gemeinsame Sache. Phantastisch, was für eine Gruppendynamik durch ein solches Projekt entsteht und wie eine Gruppe zusammenwächst. Somit waren wir nun 4 Biker und 2 Autofahrer.


Also der Plan war wie folgt:

  • Mit dem Auto ca. 1.000 km von Aachen nach Hirtshals (Dänemark)

  • Dann 4 Stunden mit der Fähre von Hirtshals nach Larvik (Norwegen)

  • Mit dem Auto von Larvik nach Oslo zur Zwischenübernachtung

  • Weiter 550 km mit dem Auto, quasi unsere Radstrecke, entlang nach Trondheim


Und so ging es also in der Nacht vom 18.06. auf den 19.06.2019 im vollgepackten Van gen Norden los. Und schwubs, nach knapp 2 Tagen waren wir ja auch schon in Trondheim. Viel größer und vor allem noch viel schöner als gedacht, empfängt uns eine wunderschöne, gemütliche Küstenstadt.



Jetzt schnell ins Hotel, Räder auspacken und zusammenbauen und alle notwendigen Vorbereitungen treffen, denn die Sorge, dass eines der 4 Räder vielleicht nicht zu 100% einsatzfähig wäre, ist groß. Aber schnell sind wir beruhigt. Eine kleine Testfahrt in der hoteleigenen Tiefgarage bestätigt die Fahrtüchtigkeit aller 4 Bikes. Gott sei Dank! Jetzt noch einen Happen essen und dann ab ins Bett, haben wir ja schließlich schon 1 Nacht durchgemacht und freuen uns auf ein richtiges Bett.


Nächster Tag - „Starttag“, aber erst abends. Was für ein komisches Gefühl jetzt noch über 12 Stunden auf dieses große Abenteuer warten zu müssen. Das Wetter ist stabil, 15 Grad, leicht bewölkt, sehr gute Voraussetzungen. Zuerst steht ein wenig Sightseeing auf dem Programm, danach Startnummern abholen und wieder zurück zum Hotel und die Bikes endgültig startklar machen. Luft prüfen, Trinkflaschen fertig machen, Müsli-Riegel und Power-Gels verstauen und natürlich die Startnummer ans Fahrrad – ich habe die Nummer 408.



So langsam steigt die Nervosität und der innere Dialog geht los: „Habe ich genug trainiert?“, „War das wirklich so eine gute Idee?“, „Hab‘ ich mich diesmal mit diesem riesen Abenteuer übernommen?“ Wie soll ich nur 540 km am Stück durchhalten?“.

Die anderen Teilnehmer, mit denen wir sprechen haben eigentlich alle vorher die Teilstrecken dieses Rennens ausprobiert. Es gibt tatsächlich auch kürzere Etappen als die vollen 540 km, aber wie sage ich immer so schön: „Ich mache keine halben Sachen!“. Also beruhige ich mich selbst wieder und konzentriere mich auf die bisher gemeisterten Projekte und schöpfe wieder Kraft und Zuversicht. Außerdem gibt es ja nach 70 km schon die erste Verpflegungsstation. An dieser Stelle sei erwähnt, dass dieses Rennen wirklich mega durchorganisiert ist. Es gibt auf der gesamten Strecke 9 Verpflegungsstationen, alle Kreisverkehre und Kreuzungen auf der gesamten Strecke sind abgesperrt, so dass die Teilnehmer komplett durchfahren können, keine rote Ampel, kein Anhalten, gar nichts.


So – es ist Zeit, mit präparierten Rädern geht es nun zum Start. Als würden wir nachher nicht schon lang genug Radfahren, müssen wir jetzt einmal quer durch Trondheim. Naja, nennen wir es „warm fahren“. Bei mittlerweile nur noch knapp 10 Grad und leichtem Nieselregen gar nicht so falsch. Mittlerweile ist es 21 Uhr und wir sind bereits seit über 13 Stunden auf und stehen vor der größten Herausforderung unseres Lebens, die kommenden 24 Stunden volle Leistung zu bringen. In unserem Team sind passionierte Trans-Alp-Fahrer und Rennradfahrer der ganz harten Sorte, die schon mehr Höhenmeter mit dem Rad absolviert haben als andere mit dem Flugzeug. Aber ich bleibe weiterhin zuversichtlich und vertraue mir und meiner Leistungsfähigkeit und vor allem meinem Durchhaltevermögen, denn das habe ich mir in den letzten Jahren schon mehrfach bewiesen.



21:15 Uhr, unser Startblock wird aufgerufen, die Pedale klicken ein, der Startschuss fällt und wir treten los. Was für ein ultra geiles Gefühl. Du fährst an hunderten klatschenden Zuschauern vorbei, fast schon wie bei der Tour de France, zumindest fühlt es sich so an.

Ein Schauer nach dem anderen läuft dir den Rücken runter, ein Wechselbad der Gefühle zwischen Begeisterung und purer Angst vor den nächsten 540 km. Normalerweise habe ich sogar mit dem Auto vor so einer Strecke Respekt.


Aber – egal, Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, von Station zu Station, wir werden das schon meistern.


Die ersten 170 km geht es von der Küste nur bergauf – auf das sogenannte Dovrefjell auf über 1.000 Meter und es ist definitiv nicht der schöne Teil der Strecke, denn nach einigen Kilometern fängt es an zu regnen. Also kurzer Halt und rein in die Regenklamotten, denn wenn unsere Radsachen jetzt schon nass werden, dann wird es hart. Je höher wir kommen, desto kälter wird es. Mittlerweile sind es schon nur noch 5 Grad. Die erste Verpflegungsstation: Es ist mittlerweile Mitternacht. Es regnet, es ist kalt und alle Teilnehmer drängeln sich zum Catering-LKW. Es ist eine Katastrophe. Ich erhasche gerade noch eine Banane und ein Sandwich. Im Halbdunkeln noch schnell die Trinkflaschen wieder auffüllen und gleich wieder weiter. Wir sind ja schließlich nicht auf einer Ferienfahrt, die Zeit läuft ja in den Pausen weiter. Hier sage ich mir ganz klar: „Wenn das so weitergeht, fahre ich definitiv nicht weiter!“. Endlich die hektische Essensstation hinter uns gelassen, geht es immer noch weiter bergauf. Wann kommt endlich das Hochplateau? Es regnet nun noch stärker, die Temperatur sinkt in Richtung 0 Grad. LKW’s überholen uns auf der Landstraße und duschen uns mit ihrer Gischt. Es gibt definitiv schönere Momente. Das Gesicht ist nass, kalt und voller Dreck, zwischen den Zähnen knirscht es schon vom aufgewirbelten Wasser des Vordermanns. Durch den Regen ist es nun auch recht dunkel. Midsommer hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Einzige Orientierung ist das Rücklicht meines Vordermanns. Jetzt heißt es wirklich diszipliniert weiter treten.

Nach weiteren unendlich lang andauernden 3 Stunden Fahrt durch den Regen und später sogar Schneeregen bei minus 2 Grad, kommen wir endlich oben auf dem Dovrefjell an. Völlig durchnässt und durchgefroren, die Finger, die Füße, alles kalt und nass. Zu allem Überfluss hat der Regen mein Handy geschrottet. Ich dachte mein I-Phone sei wasserdicht. War wohl nix.

Aber zum Glück steht unser Tour-Bus oben an der 2. Verpflegungsstation. Unsere Jungs, die uns begleiten, empfangen uns herzlich. Gott sei Dank. Trockene Sachen! Wir ziehen uns komplett um. Selten war ich für frische, trockene und warme Kleidung so dankbar. Zum Glück hatte ich mir kurz vor der Reise noch meine dicksten Skihandschuhe eingepackt. Hätte nicht gedacht, dass ich die brauche. In der Verpflegungsstation sehe ich einige Teilnehmer, die völlig unverantwortlich in kurzen Hosen und kurzen Oberteilen die Strecke bis hier hoch gefahren sind, obwohl in den Rennbestimmungen überall steht, dass das Wetter hier oben mitten in Norwegen unberechenbar sein kann. Ich sehe gestandene Männer mit blau gefärbten und schlotternden Beinen vor improvisierten Heizlüftern stehen, für die definitiv hier Endstation ist, und das nach nur nach nur 170 km.


Wir stärken uns mit Sandwich, Toast, heißer Suppe, Energy-Drinks und Kaffee und weiter geht’s - keine Pause dauert länger als rund 15 Min, damit wir bloß nicht der Müdigkeit erliegen. Schließlich sind wir zu diesem Zeitpunkt bereits über 18 Stunden wach.


3 Uhr morgens – wir fahren in den Sonnenaufgang, es sind zwar noch unter 0 Null Grad, aber es ist trocken, wir haben frische und warme Klamotten an und ich freue mich wie ein kleines Kind über meine Ski-Handschuhe, welch eine Wohltat. Was für ein geiles Gefühl. Auf einmal entwickelt sich eine unglaubliche Kraft. Wir brettern mit rund 35 bis teilweise 40 km/h im Pulk über das Hochplateau und fahren der Sonne entgegen. Diese Momente sind selten, bleiben aber für immer im Herzen.



Ab jetzt geht es ab und zu auch mal bergab und es wird spürbar wärmer (schon +5 Grad) und die Kilometer rasseln einfach runter. An den Verpflegungsstationen wird es immer leerer, weil sich einerseits das Feld etwas auseinanderzieht und andererseits auch immer mehr aufgeben müssen. Unterkühlung oder Krämpfe zwingen doch einige vom Rad abzusteigen. Aber wir halten durch. Wenn man nicht auf die Uhr schaut, fehlt einem tatsächlich das Zeitgefühl, da wir seit 3 Uhr schon strahlenden Sonnenschein haben. Nun sind die Temperaturen sogar schon 2-stellig und wir können, dank unseres „Zwiebellooks“ einige Schichten unserer Kleidung ablegen. Das fühlt sich richtig gut an.




Nach knapp 10 Stunden reiner Fahrzeit durch die Nacht knacken wir morgens um 8 Uhr die magischen 270 km Kilometer. Wir haben die Hälfte geschafft. Und es geht uns den Umständen entsprechend immer noch recht gut, obwohl wir seit fast 12 Stunden unterwegs und seit 24 Stunden wach sind. Also auf geht’s auf die 2. Etappe. Einerseits eine gefühlte Katastrophe, die ganzen 270 km nochmal zu fahren, aber hier kommt wieder das Mindset zum Tragen: ab jetzt zählen wir rückwärts. Und plötzlich wird’s mental leichter. Das Wetter tut seins dazu. Es wird immer wärmer, so dass wir tatsächlich immer mehr Klamotten ablegen können und ab dem späten Mittag bei 20 Grad sogar in „Kurz“ fahren können.


Sich von Verpflegungsstation zu Station zu „mut-ivieren“ wird jetzt immer schwieriger. Vor allem nach der Pause - auch wenn sie kurz ist - wieder aufs Rad zu steigen ist schon echt hart. Ist man aber wieder einigermaßen eingerollt, läuft es wieder und in der Gruppe ist es immer wieder ein sau geiles Gefühl, das Rasseln der Kette zu hören, den Geschwindigkeitsrausch auf den Abfahrten mit bis zu 60 km/h zu spüren und die Freude in der Gruppe aufzusaugen.

Wir fahren abwechselnd vorne und schließen uns immer wieder Gruppen an, um auch mal den Windschatten zu nutzen, um Energie zu sparen. Sind es doch immer noch 150 km. Eine Strecke, die ich vor 2 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben gefahren bin. Und jetzt mit bereits 400 km in den Beinen.


Mittlerweile tut alles weh, aber die Stimmung in unserer Gruppe ist phantastisch, die Landschaft ein Traum, wir passieren das olympische Lillehammer und die Zuschauer, die am Straßenrand jubeln sind so „mut-ivierend“, so dass wir dem Ziel immer näherkommen. Vor den letzten 50 km wurden wir bereits durch verschiedene Foren und ehemalige Teilnehmer dieses Rennens gewarnt. Zitat: „Die Hügel der letzten Kilometer sind mörderisch!“. Und sie sollten Recht behalten - die Wellen, das ewige auf und ab der letzten verdammten 50 km von 540 km sind echt brutal. Als hätten wir mit knapp 4.000 Höhenmeter nicht schon genug Steigungen hinter uns, verlangen uns die letzten Anhöhen vor Oslo nochmal alles ab.


10 km vor Ende geht es sogar auf ein abgesperrtes Autobahnstück, natürlich bergauf. Auch ein besonderes Erlebnis mal mit dem Fahrrad auf der Autobahn zu fahren. Wir kurven nun durch Oslo, die Strecke ist zwar abgesperrt, aber sie scheint nicht enden zu wollen. Alle rufen laut in der Gruppe: „Wo ist denn nun diese verdammte Halle?“.

Noch ein paar Kurven und dann ist sie endlich da: Die Zielflagge…! Endlich – nach 540 km, quer durch Norwegen, mit knapp 4.000 Höhenmetern, in insgesamt 23 Stunden inkl. aller Pausen rollen wir um 20:15 Uhr nach exakt 23 Stunden seit der Abfahrt erschöpft, aber voller Adrenalin in die Stadthalle von Oslo. Wir haben es geschafft!



Mein großes Learning aus dieser Tour:


Wenn Du Dir mit Begeisterung ein wirklich großes, attraktives und herausforderndes Ziel setzt und es mit vollem Fokus, Leidenschaft, Ausdauer und Disziplin verfolgst, kannst du im Prinzip alles schaffen. Wenn Du es nur willst…!

Stand ich vor genau 2 Jahren noch völlig unbedarft im Radgeschäft und hatte mir mein erstes Rennrad in meinem Leben gekauft, stand ich nun voller Stolz in Oslo mit 540 km in den Beinen. Diese Momente bleiben ein Leben lang!


Und das klappt mit allen Dingen – nicht nur mit dem Radfahren.

Probier‘ es aus…!


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